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Die verschleierte Wirklichkeit
Published on 17/03/10
by alm
Warum weder die immensen staatlichen Zuwendungen an die katholische Kirche, noch die anderen Aspekte ihrer Machtausübung aufgegriffen und ernsthaft durchleuchtet werden, fragt Waltraud Prothmann.
Nun gibt es also jede Woche aufgeregte Fernsehdiskussionen und Kommentare zur sexuellen Gewalt an Kindern. Geistliche, die angeblich nichts ahnten, fallen betroffen aus allen Wolken und geben ihre bedauernden Lippenbekenntnisse ab. Ansonsten verstecken sie sich wie eh und je – unerträglich monoton in der Wortwahl – hinter abwehrenden und relativierenden Floskeln.
Erstaunlich ist, dass es offenbar ein Thema gibt, mit dem man noch verschämter und heimlicher umgeht, als mit den sexuellen Verfehlungen: Den von allen Steuerzahlern, ob katholisch oder nicht, aufzubringenden Mitteln zur Erhaltung und Verbreitung einer herzlosen Religion.
Es gibt heute so gut wie kein Ressort, in dem nicht gespart werden muss. Wir haben uns täglich mit Abstrichen in sozialen, Gesundheits- und Bildungsbereichen abzufinden, wir hören oder lesen aber keinen Ton, der etwa die fortwährende, hohe staatliche Zuwendung an eine Institution hinterfragte, die ausschließlich der Verbreitung ihrer lebensfernen religiösen Lehren dient. Die von den Gläubigen bezahlte Kirchensteuer – und das wissen viele Menschen nicht einmal – ist ein verhältnismäßig geringer Teil zur Erhaltung dieses Systems. Zum größeren wird es von allen Steuerzahlern finanziert. Auch von jenen, die von dieser Institution diskriminiert oder ausgeschlossen werden: Den wiederverheirateten Geschiedenen, den Homosexuellen, allen nicht katholischen Bürgern; und sogar von den entlassenen Lehrern, die den moralischen Anforderungen nicht mehr genügen, wenn sie unverheiratet eine Lebensgemeinschaft eingegangen sind.
Wie will eine demokratische Regierung die Fortführung des Konkordats aus dem Jahr 1934 für ein System rechtfertigen, das auf allen Ebenen versagt?
Die eigentlichen, system-immanenten Fragen wurden bisher nicht gestellt. Der Sturm der Entrüstung um die Verbrechen an Kindern scheint ein kurzweiliges Ereignis zu sein, das man mit einigen Vorschlägen zur Prävention kosmetisch abzuhandeln versucht.
Wo bleiben die Fragen nach den Menschenrechten: Des Rechts der in kirchlichen Diensten stehenden Menschen auf ihr eigenes Fühlen und Denken, Lieben und Träumen? Weiß man doch, dass eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung grundsätzlich nur dann möglich ist, wenn in jedem Lebensabschnitt entsprechende Veränderungen zugelassen werden. Stattdessen werden idealistische, unerfahrene, sehr junge Männer veranlasst, heilige Eide und ewige Gelübde zu schwören, um sie bis in die fernste Zukunft verfügbar zu machen. Schon das ist ein grober Machtmissbrauch.
Eine andere, zu wenig hinterfragte Verfehlung dieser Kirche ist die unglaubliche Verachtung der Frau, ihre Herabwürdigung zur „Magd des Herrn“.
Wo kommen Frauen in katholischen (Knaben-)Internaten als Betreuerinnen und Erzieherinnen vor?
Wo sind sie in der konfessionellen Hierarchie?
Das erzwungene Fehlen aller weiblichen Fähigkeiten, z. B. einer intuitiveren Kommunikation; die Diskriminierung emotionaler Wärme; die Abwesenheit eines lebendigen, gleichberechtigten Dialogs zwischen männlichen und weiblichen pädagogischen Konzepten in kirchlichen Einrichtungen – wer verantwortet diesen eklatanten Mangel?
Die Erziehung klerikalen, sexuell unterdrückten Männern zu überlassen ist fahrlässig. Dass kirchliche Dogmen über Ehe, Familie und Sexualität in Bischofssynoden von einigen hundert alten Junggesellen beschlossen werden, ist lächerlich. Dass tausende Mütter erpresst werden, den zölibatären Vater ihres Kindes zu verschweigen, damit sie von kirchlichen Stellen wenigstens Alimente bekommen, ist unmenschlich. Dass für diese Kinder die Begegnung mit dem Vater – wenn sie denn überhaupt je stattfindet - meist eine heimlich verklemmte oder schambefleckte ist, müsste für alle natürlich empfindenden Menschen eigentlich unerträglich sein. Diese Männer müssten angehalten werden, ihre Verantwortung wahrzunehmen. In Wahrheit werden sie unter Druck gesetzt, die Liebespartnerin und das Kind zu verleugnen.
Hat man je von einer Ombuds-Stelle gehört, an die sich diese Frauen und Kinder wenden könnten?
Eine solche Kirche dürfte von staatlicher Seite nicht länger finanziert werden. Und der Staatsfunk sollte der scheinheiligen Selbstdarstellung einer solchen Führung kein Forum bieten.
Es wäre besser und „christlicher“, die immensen Zuwendungen zur Verbreitung einer autoritären Ideologie für soziale Projekte zu verwenden und sie an die Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie etwa in der evangelischen Kirche längst verwirklicht ist und an demokratische Spielregeln zu knüpfen. -
Kinder werden nicht nur in Männerklöstern misshandelt: Als im Advent des Jahres 2007 in einer Fernsehsendung das „Europakloster Gut Aich“ bei St. Gilgen vom amtierenden Prior als „heiliger und heilsamer Ort, wo Menschen immerzu gut und verantwortungsvoll gewirkt haben“ vorgestellt wurde, blieb mir einen Augenblick der Atem weg. Dann schrieb ich folgenden Brief an ihn:
Ich war als Kind von acht Jahren etwa neun Monate in Gut Aich. Heute, nach mehr als fünfzig Jahren, bekomme ich immer noch eine Gänsehaut, wenn ich mich diesem „heiligen Ort“ nähere. Die traumatischen Erlebnisse dieser Zeit haben jedes Vertrauen in den Sinn einer religiösen Erziehung in mir ausgelöscht. Was unter dem Deckmantel einer christlichen Moral – wahrscheinlich aus reiner Unbewusstheit zutiefst frustrierter Nonnen – dort an Kindesmisshandlung geschehen ist, wäre heute zum Glück kaum mehr möglich …..
Ich persönlich verdanke meine Befreiung aus dieser Kinderhölle einem agnostisch eingestellten Arzt, der meine Mutter von der krank machenden Atmosphäre überzeugen konnte…..“
(Eine der harmloseren, aber durchaus erschreckenden „Stichproben“ an uns kleinen Mädchen bestand darin, uns nachts, wenn wir schliefen, plötzlich die Bettdecke weg zu reissen, um zu überprüfen, „wo wir unsere Hände hatten“).
Der Prior rief mich zwar an und fand meine Erlebnisse bedauerlich. Aber glauben könne er mir nur, sagte er, weil er wisse, mit wem ich verheiratet sei. Mein Mann (!) sei für ihn vertrauenswürdig.
Das Wesentliche steht nicht zur Debatte
Eine Analyse des inneren Zustandes der klerikalen Kirche blieb bisher aus. Trotz der erschütternden Vergehen kann man keinen verantwortungsbewussten strukturellen Veränderungswillen erkennen, leider auch nicht seitens weltlich-politischer Ordnungsmächte. Denn wesentlich wäre, die Kirche im Hinblick auf die mühsam erworbenen Menschen- und vor allem Frauenrechte zu hindern, sich ungeniert imaginärer, spiritueller Fantasien zu bedienen, um suchende Menschen in ihre Abhängigkeit zu bringen. Die Zeit ist reif, ihr den absurden Anspruch auf beamtete Wahrheiten und die Anmaßung der Unfehlbarkeit grundsätzlich abzusprechen.
Das aber liegt in der Verantwortung des Staates!
Man muss sich doch fragen, welche zutiefst patriarchalischen Muster über die kirchlichen Machtstrukturen hinaus in unserer Gesellschaft noch wirksam sind, da eine von Frauenverachtung und Angstmache durchzogene Institution in ihrer verkrusteten Form so fraglos weiter getragen wird.
Nur demokratische, weltoffene Einrichtungen können ihre Bürger aus religiösen Umklammerungen befreien.
Waltraud Prothmann
Freie Journalistin
Kommunikationspädagogin
Salzburg
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Comments on Die verschleierte Wirklichkeit
4 Responses
Wahrscheinlich gibt es keinen Gott.
25/03/10
[...] wird die Zwangskirchensteuer abgeschafft. Ein Artikel dazu aus Österreich. Ein Vorstoss im Aargau. Und bald startet hier die Unterschriftensammlung für eine [...]
HandaufsHerz
14/04/10
Irgendwer schrieb kürzlich, die Kirche habe sich als homosexuelles Puff entlarvt. DIE Kirche ist DER Klerus:die Prunkkleidung ist paramilitärisch. Die jesuitische Strenge bringt diktatorische Idole zur Machtsicherung hervor. Die heilige Inquisition ist Zubehör. Inquisition und sexuelle Perversionen fließen im Zölibat in eines. Im salbungsvoll sprechenden Kleriker steckt der brandgefährliche Diktator wie der Wolf im Schafspelz und die Litanaigesänge sollen die Gewehrsalven übertönen.
Kathi
02/05/10
Da ist doch das Problem die Restitution, wer kann sich schon leisten das ganze enteignete Vermögen auf einmal den Kirchen und Ordensgemeinschaften zurückzugeben??
Chipus78
22/06/10
Restitution hääää ich weiß ja nicht wie es bei euch in Österreich läuft aber wenn man die Kirche (Vatikanstaat) mal auf vortlaufende Verbrechen gegen die Menschenwürde/ Rassismus / Völkermord durch Indoktrination (Glaubensdogma in der Frage der Verhütung und Aidsprävention) Sabotage der offiziellen Aidspolitik der Europäischen Union/ Unterlassene Hilfeleistung aggressive Aggitation und Verbreitung von unwissenschaftlichen und charakterschädigenden Moralvorstellungen unter mithilfe von Suggestionstechnicken und unhistorischen Geschichtbüchern anklagen würde …dann sollte doch klarwerden (bei einer Verurteilung) wer hier wen zu entschädigen hat. das dürfte auch den Rückzug eines Vatikanstaates aus den souveränen Angelegenheiten anderer Staaten beinhalten. Restitution ?…was soll denn das für ein Blödsinn sein hört sich an wie gib dem Verbrecher sein Werkzeug wieder =))







